kennenLERNENeine thematische gruppenausstellung zur 9. triennale der photographie hamburg. zwischen begegnung, erfahrung und erkenntnis erkunden die gezeigten arbeiten prozesse des kennenlernens – von menschen, räumen, strukturen und perspektiven. eröffnung am 23. juli 2026 um 19 uhr.
zufall – alltag - struktur :: begegnen - erfahrungen sammeln um zu verstehen - wissen anhäufen um erkenntnis zu erlangen : gemeinsam zeit verbringen um sichtweisen nachvollziehen zu können ::: lernen, nicht dogmen rezitieren ::: nicht assimilieren, sondern sich öffnen um zusammen zu wachsen :: urvertrauen um zu begegnen :: nicht einander übersehen kennenlernen beginnt nicht erst im gespräch. es entsteht im blick, in der berührung, im zufall, in der erinnerung oder in den spuren, die menschen, tiere und dinge hinterlassen. die in der ausstellung versammelten künstlerischen 13 positionen eröffnen vielfältige perspektiven auf begegnung, wahrnehmung und beziehung. sie erzählen von flüchtigen momenten der annäherung ebenso wie von den prozessen des erinnerns, suchens und verstehens. so entfaltet sich ein facettenreiches mosaik darüber, wie wir anderen – und uns selbst – begegnen.
margit tabel-gerster zeigt mit anbahnende liebe (auch: an bahn ende liebe) – eine geschichte in einem zuge eine fotografische serie aus den 1980er jahren, der eine zufällige begegnung während einer zugfahrt dokumentiert. heimlich auf analogem schwarzweißfilm aufgenommen, in der dunkelkammer auf p90-papier entwickelt und mit letraset gestaltet, greifen die fotografien zugleich die ästhetik der damaligen db-infomagazine auf. vierzig jahre später eröffnet die arbeit einen doppelten blick: auf das thema annäherung und auf eine zeit, in der kennenlernen ohne digitale vermittlung stattfand. die serie wird so zu einem ebenso persönlichen wie zeitgeschichtlichen dokument über zufall, beobachtung und die flüchtigen momente, aus denen beziehungen entstehen können.
nicht jede begegnung beginnt mit einem blick – manche mit einer reparatur. in dem hörspiel frau in blau erzählt mariola brillowska von einer handwerkerin am rande des wahnsinns. wenn sie im blaumann im türrahmen erscheint, zieht bei den kund:innen erleichterung ein – oder das pure chaos. und niemand ahnt, dass sie eigentlich nur einen mann sucht.
einen ganz anderen zugang zum kennenlernen eröffnet dr. helge h. paulsen mit der zweiteiligen fotoserie to grasp (be_greifen). im mittelpunkt steht die hand als organ der wahrnehmung und erkenntnis. wirkliches verstehen entsteht nicht allein durch theorie oder abstraktes denken, sondern durch unmittelbare erfahrung: durch berühren, ertasten, erfühlen und das haptische begreifen der welt. die fotografien richten den blick auf jene oft unbewussten prozesse, mit denen wir beziehungen zu menschen und dingen aufbauen. to grasp erinnert daran, dass erkenntnis ihren ursprung nicht nur im verstand, sondern ebenso im körper hat.
auch die portraits von meeresalgen von ina steinhusen entstehen aus einem genauen beobachten. ihre serie von cyanotypien bezieht sich auf die algenstudien der britischen botanikerin und fotografin anna atkins aus dem jahr 1850. für ihre arbeiten fotografiert sie meeresalgen, deren form sich im zusammenspiel von wasser, licht und material nicht vollständig kontrollieren lässt. so entstehen porträts, in denen die pflanzen ihre eigene erscheinung und charakteristik entfalten. erst nach dem fotografischen prozess erhalten die arbeiten ihre titel – eine verbindung aus wissenschaftlicher bezeichnung und spielerischer assoziation. zwischen naturwissenschaftlicher dokumentation und künstlerischer interpretation eröffnen die cyanotypien eine begegnung mit einer oft übersehenen lebenswelt.
nicht menschen, sondern ihre spuren stehen im mittelpunkt der arbeiten von birgit bornemann . seit vielen jahren fotografiert sie sitzmobiliar im öffentlichen raum – vereinzelt, verlassen und sich selbst überlassen. die zufälligen fundstücke werden zu stellvertretern menschlicher präsenz und werfen fragen nach den menschen auf, die hier verweilten und weitergezogen sind. aufgrund ihrer form versteht bornemann die sitzgelegenheiten als sinnbilder menschlicher charaktere. einander gegenübergestellt scheinen sie miteinander in beziehung zu treten und laden in komm doch rüber sinnbildlich zur begegnung ein. im sitzkreis richtet sich der blick auf das verborgene: spiegelungen machen sichtbar, was unter der oberfläche oder sprichwörtlich „unter den tisch gekehrt“ liegt.
auch helene kummer interessiert sich für spuren – sie beschäftigt sich in ihrer künstlerischen praxis und forschung mit tier-mensch-beziehungen und unterschiedlichen formen, mehr-als-menschlichen lebewesen zu begegnen. ausgangspunkt ihrer arbeiten sind fotografien von kratzspuren, die sie als möglichkeit versteht, sich den seinsweisen von waschbären anzunähern. durch das aufgreifen und die wiederholung dieser spuren entstehen arbeiten zwischen fotografie, spur und präsenz, die nach der an- und abwesenheit von tieren fragen. die kratzspuren werden zu stillen zeugnissen einer begegnung und eröffnen einen blick auf lebenswelten, die sich unserem unmittelbaren wahrnehmen meist entziehen.
das genaue hinsehen steht auch im zentrum der werkgruppe von alexandra von braun . sie verbindet dokumentarische fotografien mit zeichnerischen eingriffen in tusche und greift scheinbar nebensächliche muster, spuren und wiederholungen auf, die sie an anderer stelle im bild fortführt. dadurch verschiebt sich die aufmerksamkeit vom offensichtlichen auf das übersehene. die gesichter der dargestellten personen bleiben bewusst verborgen. es entstehen arbeiten, die kennenlernen nicht als schnelles erkennen, sondern als langsamen prozess des wahrnehmens, fragens und entdeckens begreifen.
wie sehr wahrnehmung auch von gesellschaftlichen bedingungen geprägt wird, zeigt sara rahanjam . ausgehend von ihrer eigenen lebensrealität im iran setzt sie sich mit den gesellschaftlichen, kulturellen und politischen herausforderungen der gegenwart auseinander. im mittelpunkt ihrer fotografischen serie stehen frauen, die trotz ausgrenzung, unterdrückung und gewalt wege finden, sich zu behaupten und weiterzuwachsen. licht und dunkelheit, hoffnung und schmerz erscheinen dabei nicht als gegensätze, sondern als untrennbar miteinander verbundene kräfte. symbolische bildwelten erzählen von innerer freiheit, widerstand und der kraft des denkens – jenem ort, an dem veränderung ihren anfang nimmt.
wo wahrnehmung an ihre grenzen stößt, setzt barbara haiduck mit going no contact an. die serie analoger fotocollagen auf schwarzweiß-fotogrammen beschäftigt sich mit den fragilen momenten von begegnung und trennung. zwischen dunklen leerstellen, verletzlich wirkenden oberflächen und schwebenden fragmenten entstehen bildräume, in denen nähe nur noch als spur erfahrbar wird. die collagen erzählen von tastenden annäherungen und den zwischenräumen, in denen verbindung entsteht oder verloren geht. kennenlernen erscheint hier als offener prozess gegenseitiger wahrnehmung.
erinnerung wird schließlich selbst zum gegenüber in der fotografischen installation light/years von johannes groht . ausgangspunkt ist das foto einer in der frühlingssonne träumenden freundin, das über jahrzehnte in einer pergaminhülle aufbewahrt wurde und bis heute zeitlos erscheint. ergänzt wird es durch porträts von freund:innen und verwandten sowie aufnahmen besonderer momente. in den transparenten pergaminhüllen wirken die fotografien zugleich geschützt und verborgen. so entsteht ein geflecht persönlicher erinnerungen, das fragen nach zugehörigkeit und dem kennenlernen des eigenen lebens stellt.
auch linda klatt richtet den blick auf die eigene vergangenheit. in das mädchen vom anderen ende meines lebens setzt sie sich mit erinnerung, familiärer prägung und der konstruktion von identität auseinander. ausgangspunkt sind kinderfotografien, wie sie über jahrzehnte in den portemonnaies von eltern aufbewahrt wurden. durch die starke vergrößerung und die übertragung in textile stofflichkeit lösen sich die fotografien in farbflächen und verschwommene erinnerungsfragmente auf. zwischen nostalgischer verklärung und persönlicher wahrheit fragt die arbeit danach, welche geschichten wir über unsere vergangenheit erzählen und wie sehr sie unser selbstbild prägen.
noch existenzieller wird die auseinandersetzung mit erinnerung in brigitta höppners werkserie de_enz. ausgehend von fotografien aus dem familienalltag verarbeitet sie erfahrungen mit einem an demenz erkrankten angehörigen. durch malerische überlagerungen lösen sich gesichter, orte und zusammenhänge zunehmend auf. was zunächst wie alltägliche familienszenen erscheint, verwandelt sich in fragile bilder schwindender erinnerung. zwischen klarheit und leerstelle macht de_enz sichtbar, wie erinnerungen verblassen – und welche spuren ihr verlust bei den menschen hinterlässt, die zurückbleiben. x
den schlusspunkt der ausstellung bildet vladimir seleznevs fortlaufende familienchronik lovely raqs. ausgangspunkt sind stoffe, die über jahrzehnte innerhalb seiner familie aufbewahrt wurden – kleidungsstücke verschiedener generationen, bettwäsche, vorhänge und andere textile fragmente. gemeinsam mit seiner mutter entstanden daraus intuitive kompositionen, die familiäre erinnerungen mit fotografien, zeichnungen und siebdrucken verweben. nach seiner emigration 2022 wurde das projekt über räumliche distanz hinweg fortgeführt. seit dem tod seiner mutter im jahr 2025 verdichtet sich lovely raqs zu einem werk über erinnerung, verbundenheit und das weitertragen gemeinsamer erfahrungen – eine annäherung an das kennenlernen der eigenen geschichte anhand ihrer materiellen spuren.
eröffnung ::: 23.07.2026 ab 19:00 uhr ausstellungsdauer : 23.07.2026 - 22.08.2026 öffnungszeiten :: sa. - di. 18:00 – 21:00 uhr finissage :: samstag 22.08.2026 14:00 - 22:00 uhr
künstler:innen: alexandra von braun, barbara haiduck, birgit bornemann, brigitta höppner, helene kummer, dr. helge h. paulsen, ina steinhusen, johannes groht, linda klatt, margit tabel-gerster, mariola brillowska, sara rahanjam, vladimir seleznev
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