NACHLASSen

eröffnung  :::         30.05.2024 ab 19:00 uhr 

ausstellungsaduer :: 30.05.2024 -  30.06.2024

öffnungszeiten :: montag, dienstag, samstag und sonntag von 18:00 -  21:00 uhr

tresengespräch: sonntag, 16.06.2024   mit dem forum für künstlernachlässe um  16:00 uhr

finissage: sonntag, 30.06.2024 11-16:00 uhr

 

 

was bleibt? während es in der ausstellung verschieden, in der wir 2020 schon einmal die werke verstorbener zeigten, größtenteils um den tod ging, geht es dieses mal um das danach. werke aus entdeckten, vererbten, familiär weiterlebenden, betreuten und sich in auflösung befindlichen nachlässen werden noch einmal, das erste mal, hoffentlich nicht das letzte mal und teils in einem ganz anderen kontext gezeigt. dazu gesellen sich arbeiten zeitgenössischer künstler:innen, die sich mit mit den arbeiten oder dem verlust ihrer familienangehörigen auseinandersetzen, der frage, was es eigentlich ist, was bleibt, identität und körperlichkeit hinterfragen und wie wir mit dem klar kommen, was hinterlassen wurde. die arbeit mit künstlerischen nachlässen ist lebendige erinnerungskultur, und sie in ihrer geschichten erzählenden vielfalt zu bewahren, erforschen und zugänglich zu machen ist neben einem kulturellem erbe vor allem eins: viel arbeit. das forum für künstlernachlässe e.v. in hamburg, einst als erstes seiner art von engagierten bürgern gegründet, widmet sich dieser und feiert dieses jahr das 20-jährige jubiläum. wir freuen uns auf ein tresengespräch mit der vorsitzenden prof. dr. gora jain am sonntag den 16. juni um 16 uhr.

teilnehmende künstler:innen 

anissa tavara, bojana fuzinato, carlo + magdalena +anna kriete, dieter nestler, evelin marin, gerald chors, hans-ulrich hellmann, horst wiesenberg & ST kambor-wiesenberg, joachim schröder, kerstin hehmann, martin bronsema, saori kaneko & richard welz, sevil amini

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für dieter nestler war der hamburger hafen eine unerschöpfliche quelle der inspiration. farben, strukturen, geräusche und gerüche beflügelten ihn. sein revier war vornehmlich das gelände auf steinwerder bis hin zum tollerort. oft war er auf dem containerhof von nils pahl und in herta´s stübchen. heute hat der hafen ein anderes gesicht. die kleinen schmuddelecken mußten moderner logistik weichen. sein fundus verschwand, so wie er selbst verstarb, aber seine werke bestehen. noch.

im nachlass von joachim schröder fand sein bruder gespachtelte farbkompostionen von bemerkenswerter farbigkeit und dichte. die 1972 mit 15 jahren auf karton gemalten bilder im miniaturformat hielt er verborgen, bewahrte er aber sein ganz leben auf. 

horst wiesenberg, 1933 in sorau (polen) geboren und 1993 in cottbus gestorben war ambitionierter fotograf. sein enkel, der künstler st kambor-wiesenberg hat seine kameras, die fototechnik sowie seine negative und diapositive geerbt und dann angefangen mit den analogen kameras zu fotografieren. später, in den 2010er jahren hat er begonnen, das werk zu sichten, zu scannen und digital nachzubearbeiten. eines der bilder ist das “dia i 14 - bärbel & helga vor dem brandenburger tor” in berlin. das foto ist um 1969 entstanden und aus richtung osten aufgenommen. rechts und links über den zwei flankierenden flügelbauten sind die roten arbeiterfahnen zu erkennen. gut zu sehen ist die veränderte quadriga. an den streitwagen wurde ein flaggenmast montiert, an dem die fahne der ddr befestigt ist. weiterhin hat die victoria nur den stab mit dem leeren kranz in der hand, weil das eiserne kreuz herausgelötet und der darauf sitzende preußenadler entfernt wurden. hinter dem brandenburger tor ist der verlauf der mauer und somit die grenze nach west-berlin zu erkennen. der pariser platz ist komplett unbebaut, da die nach dem krieg verbliebenen gebäude abgerissen wurden. 

65 jahre in einer wohnung. nahezu ihr ganzes leben verbrachte gerald chors mutter in dieser. als diese sie nicht mehr erreichen konnte, musste er sie räumen. die absurdität der leeren zimmer war fotografisch kaum abbildbar. er tat es trotzdem und zog nacheinander die postkartengroßen polaroids aus der grossformatkamera, eines pro zimmer, und legte sie weg. bis heute. sprechen tun sie trotzdem. 

hans - ulrich hellmann (†2006) war stets ein suchender: auf der suche nach der wahrheit hinter den dingen, nach spuren, die geschichten erzählen. digitales arbeiten ignorierte er nicht, sondern wandte sich auch dieser ausdrucksform in der kunst zu. stillstand gab es nicht für ihn, er erfand sich immer wieder neu, ein getriebener in seiner gesamten schaffenszeit, was letztendlich zu seinem vielseitigen und spannenden oevre führte. wir zeigen neben diesen arbeiten die minutiösen aufzeichnungen, die ihre entstehung begleiteten. 

bilder gegen das vergessen sind die exponate aus dem umfangreichen nachlass des 1989 verstorbenen hamburger malers carlo kriete, der zeitlebens ebenso chronist und mahner wie wachsam gegen jede verletzung der menschenwürde war. zum 100. geburtstag des malers zeigen wir drei bildwerke zusammen mit übersetzungen durch die enkelinnen in die sprache des kostümdesigns (magdalena kriete) und tanzes (anna kriete). 

in den letzten jahren hat kerstin hehmann vier wohnungen zusammen mit freund:innen und familie ausgeräumt. alle haben sich bemüht die gegenstände nachhaltig - im sinne der besitzer:innen - zu verteilen. oftmals ist dies auch gelungen. entstanden sind bislang zwei kleine bücher, weitere werden folgen. 

"sind wir uns der grenze zwischen privaten und öffentlichen aktivitäten in unserem leben bewusst? ist es schwieriger, wenn die person selbst der schöpfer ist? hat meine großmutter, während sie in ihrem zimmer webte, jemals daran gedacht, dass ihr leben durch das erschaffen dieses stoffstücks auf dem webstuhl von einem privaten zu einem öffentlichen, damals für sie unzugänglichen übergehen würde?" fragt bojana fuzinato mit ihrer arbeit "private and/or public". 

anissa tavara interessiert sich dafür, wie moderne technologien unsere erfahrungen und wahrnehmungen verändern, sie erweitern und/oder verschieben. themen wie verkörperung, verdrängung und anpassung ziehen sich auch durch andere ihrer arbeiten. ihre installation "where is my skin, pt. ii (2)" zeigt eine aus einem 3d-scan der künstlerin hervorgegangene künstliche haut, eingerahmt in ein skulpturales wandrelief aus mattem aluminium. "zurück bleibt (die reproduktion) meine(r) haut". 

sevil amini zeigt ihre neue grossformatige installation “the castle”. darauf gesprüht eine ihrer zeichnungen, ein umgestürztes schloss. "wenn wir den verlauf unseres lebens und alles was wir tun, als bau eines schlosses verstehen, dann stellt dieses werk jenes dar, das wir nach dem tod in den gedanken und gefühlen für die toten bauen." das material der arbeit fragil und vergänglich wie erinnerungen: papier. 

ein jahr chronologisches sterben aus den jahrhunderten zusammengepickt, bzw. zusammengetippt. "keine hommage an die kollegen", so martin bronsema zur idee, "aber doch an den idealismus, der diese leben begleitet. die hoffnung, etwas zu hinterlassen, macht in dieser fülle doch etwas traurig." 

made by us ist ein medienreflexives projekt von saori kaneko und richard welz zur radioaktiven strahlung in deutschland und japan. insbesondere wird die freisetzung von radioaktivität in der umwelt untersucht. die arbeit „fukushima + thüringen landschaften“ zeigt eben diese zum einen 60 km um das akw fukushima dai-ichi sowie in thüringen, hier hauptsächlich um die stadt ronneburg, wo vormalig uranwirtschaft für das sowjetische atombombenprojekt betrieben wurde. 

die arbeiten der werkreihe “portraits der unbekleideten” von evelin marin, einer installation bearbeiteter kleider-fragmente hinter halbtransparentem glas, spiegelt die spannung zwischen der nachhaltigen prägung eines einzelnen lebens und seines bedingungslosen auflösens mit dem tod in den strom eines kollektiven erinnerns.