h::eilig
vom 13.02. 2020 bis
zum 15.03. 2020

 

finissage 15.03.2020 11:00 - 16:00



h::eilig 

abarbeiten an ikonen der geschichte oder neue schaffen _ schätze der historie in szene setzen oder doch nur götzentum unterfüttern _ schaffen um innezuhalten _ andächtig zu verweilen _ übermenschliches zu bebildern ::: oder schnell eine kerze anzünden um nicht im sturm der neuen götter unterzugehen _ fast schon da _ fast wieder weg _ oder als reliquie für die ewigkeit zur schau gestellt _ angebetet oder doch nur kommerzialisiert

teilnehmende künstler*innen: 

bernhard schwank, christian schildmacher, detlef lemme, dirk brüggemann, elena raulf, fabian hammerl, frank kleineidam, franziska hübler, gerald chors, helge mundt, jürgen cofalka, karin hahn, kathrine uldbæk nielsen + silke storjohann, kerstin stephan, liam tanzen, lisa hoffmann, marcus korell, margit tabel-gerster, monika hahn, penny monogiou, regine wolff, sebastian weissgerber, sonia wohlfarth steinert, suse haugk, sinta tamsjadi + thomas schmidt

vernissage: 13.02.2020 ab 20:00 uhr
laufzeit:  bis 15.03.2020
öffnungszeiten:  samstag bis dienstag 18:00 bis 21:00 uhr (und nach vereinbarung)
finissage:      15.03.2020, 11:00 – 16:00 uhr mit brunch
   

Selten hat uns die Anzahl der Bewerbungen derart überrascht. Selten haben wir soviel grossformatige Arbeiten eingereicht bekommen. Selten haben wir soviel Arbeiten, die uns überzeugten, absagen müssen. In 25 Positionen, in Malerei, Fotografie, Film, Zeichnung, Radierung, Holzschnitt, Stempeldruck, Installation, Objekt, Skulptur, und Collage findet sich auf drei Etagen, auf Säulen, Sockeln, Wänden und Kachelböden eine kaleidoskopartige Auseinandersetzung in zeitgenössischer Kunst mit einem vermeintlich antiquarischen Begriff.

"Frau oder Mann, orientalisch oder europäisch, islamisch oder christlich, drinnen oder draußen, wo oder wann bleibt ungeklärt. Satt dem röhrendem Hirsch deutschen Brauchtums, schauen wir in die großen Augen des grazilen Kitzes, das zwei orientalisch anmutende Gestalten begleitet. Bambi trifft auf ‚Tausend und eine Nacht‘ und beide passen so wundersam zusammen, wie die gedruckten Ebenen des Untergrunds mit Regine Wolffs Ölmalerei verschmelzen", schreibt Lotte König.

Die Radierungen von Franziska Hübler sind in der Regel Unikate und werden mit Aquarell, Acryl und Filzstiften weiterbearbeitet und teilweise collagiert. Momentaufnahmen von Geisteszuständen darstellend, beschreiben sie u.a. Leidenschaft, Angst oder Transzendenz.

Die auf Leinen gezeichneten Hieroglyphen von Christian Schildmacher sind eine Ansammlung von Bild- und Schriftzeichen. Sie entlehnen sich aus historischen, popkulturellen Quellen und dem Leben und der Bewegung einer Stadt.

Silke Storjohann und Kathrine Uldbæk Nielsen benutzten Fotografie als Mittel um Gedanken und Assoziationen anzustossen. Die Serie Through Athens reflektiert die reichhaltigen geschichtlichen und kulturellen Ebenen Athens.

Die großformatige Arbeit Church_inside von Dirk Brüggemann zeigt, in einer fiktiven sakralen Situation, einen Augenblick von isolierter Intensität. Sich collageartig in einem spannungsreichen Schwebezustand befindende Bildelemente werden frei in neue Bezüge zueinander gesetzt, und gelernte Interpretationsmechanismen, vermeintlich eindeutige Metaphern und Symbole versagen ihre ordnende Kraft. Das Werk vermag mit abgründiger Situationskomik verstören oder koordinatenlos reagieren lassen und überrascht mit einer schwermütigen Leichtigkeit.

One-Hit-Wonder - Nur ein einziger Song, der sich in den oberen Plätzen der Charts plaziert, der eine goldene Schallplatte erhält oder sogar Platin. Danach aber kann nie wieder an diesen Erfolg angeknüpft werden. Portraits solcher Interpret*innen wurden von Karin Hahn ikonengleich auf Singlecover-großen goldenen Holzplatten gedruckt, gleichwohl mit dem Stempelgummi, mit der flüchtigen Aura von schwarz-weiß Kopien, von entrissenen Blättern aus Zeitung oder Magazin, versehend.

„Patrone schwarz” von Detlef Lemme verweist als Titel gleichermaßen auf Schutzheilige als Fürsprecher, wie auf die massenhafte Produktion der todbringenden Waffe. Die Kontur der Patrone ist zugleich Bischofsmütze und Kathedrale umrahmt von einem iPad mit Homebutton. Der limitierte Holzschnitt liegt inkl. Ablasszertifikat in Papphülse bereit zum Mitnehmen. Ihr Erlös geht als Spende an „Ärzte ohne Grenzen”.

Über das Auffinden sakraler Orte in der Urbanität. Templon Tryptichon ist ein “kleiner Beitrag zur aktuellen Ikonenmalerei“ von Jürgen Cofalka. „Die Ikonographie liefert hierzu die unbegründeten Modi der Annäherung des Gefühls als inkonkrete Metaphern der Allegorien von Fürbitten, Erinnerung und Wertschätzung.“ Der Taxistand ist heilig. Gemalt, Geschrieben, Gesprochen. Ein modernes Tryptichon in doppelter Hinsicht.

Lisa Hoffmanns Fotoserie aus dem Langzeitprojekt BEYOND porträtiert Anderthalb Quadratmeter. Ort der höchsten Intimität, ein Moment der Ruhe, ein Ort, der schambehaftet ist. Ein heiliges Örtchen, an den es einen oft eilig treibt. Anderthalbquadratmeter ist die durchschnittliche Größe der selbstgebauten Komposttoiletten, die an einem sehr einmaligen Ort in Norddeutschland zu finden sind, an dem Menschen zusammen wohnen, die in der normalen Gesellschaft keinen Platz finden.

Frank Kleineidam schreibt „Für mich ist die Malerei ein Mittel sich auf die Suche zu begeben … in unbegrenzte, unerreichte und scheinbar unwirkliche Bereiche, die sich oft im Wiederhall der Gedanken, Stimmungen und Gefühle wiederspiegeln. Diese besonderen Momente versuche ich einzufangen.“

Marcus Korell, sonst meist für seine verstörenden, überfomatigen Malereien bekannt, bespielt den kompletten Kachelraum im Keller der Galerie. Sein Arrangement DIE WACHE beschreibt er kurz und knapp wie folgt: „In einer immer reaktionärer werdenden Welt, gilt es das Unvoreingenommene als Quell jedweder Lebensfreude zu bewahren. Zu sehen ist ein überglücklicher, von einem Wachhund beschützter Junge.“

VANITAS ist der Überbegriff für die Objekte von Monika Hahn: „Alles ist vergänglich und wird hoffentlich transzendent. Die Fundstücke haben eine zweite Chance bekommen.“

Als Reaktion auf die Inflation des Begriffs Ikone im Sprachgebrauch der heutigen Medienwelt entstehen seit 20 Jahren Margit Tabel-Gersters NIKONEN: Passphotos als Identitätsbeweis irgendwelcher unbekannter Menschen und assoziierte Beigaben aus dem alltäglichen Leben werden in andächtiger Haltung auf Holz, Metall oder auch anderes Material gebracht. Die Auserwählten haben alle einmal etwas verursacht, haben eingewirkt auf die Entwicklung der Welt, wurden hoffentlich von jemandem verehrt und werden jetzt zum modernen Heiligenbild.

Penny Monogiou kreiert, beeinflusst von persönlichen Erfahrungen mit der griechischen Ikonenmalerei und inspiriert durch Ausflüge in den Dresden Zwinger, Figuren die historische Schönheitsideale aufgreifen und gleichzeitig mit ihnen brechen.

„In der Serie Ashes arbeiten wir mit Asche als Produkt der Transformation von Leben zu Tod zu Leben.“ schreiben Sinta Tamsjadi und Thomas Schmidt. „In unserer Arbeit fotografieren wir uns selbst per Kabelauslöser. Wir erkunden das Sichtbarmachen des Archaischen.“

Bernhard Schwank präsentiert aus seinem Projekt Die ethNokonstruktivistische Sammlung eine Haarwuchsfigur, die für schwarz-magische Rituale eingesetzt wurde. Damit wollte der Vorbesitzer sowohl seine Haarpracht als auch seine Geldbörse aufbessern. Dieser umfrisierte Zweck dient nicht nur als Beispiel für die Heiligung der Mittel, sondern auch als Einladung an die Betrachtenden, sich einem universalistischen gedanklichen Freiraum zu öffnen und andere Konzepte von Wirklichkeit zu entdecken.

Die Madonnen auf der ganzen Welt sind allen Menschen behilflich, die um etwas bitten, auch um Schutz auf dem - manchmal eiligen - Weg. Blinkend und werbend machen die Marias auf sich aufmerksam. Aus dieser 8-teiligen Lichtkastenserie zeigt Sonia Wohlfarth Steinert On the road – mit halben Motorrollerreifen.

Piero Manzoni maß seiner Künstlerscheiße Goldwert zu. Die zum Aachener Domschatz gehörende Windel Jesu ist unbezahlbar. Die Windel von Sebastian Weissgerber ist jedoch nicht verkäuflich - nur die Idee dahinter.

Die Zeichnung von Liam Tanzen kombiniert zwei Klassiker des B-Movie(plakates). Der hypermaskuline Held wird hier durch eine gewaltig wirkende Frau ersetzt, die Nonne kehrt die klassisch patriarchale Struktur des B-Movies bzw. der Gesellschaft um. Wenn der Pop die Kirche überholt – dann?

Der komplette Titel der Arbeit von Helge Mundt lautet Zermatt (1608m ü. M.), 19.08.2019, 07:34 Uhr, Blick auf das Matterhorn (4478m ü. M.). Ein genau beschriebener Moment, der in der meisterlichen Fotografie dann aber über sich hinaus weist. Das Ganze eine Balance, eine Gleichzeitigkeit von Zerbrechlichkeit, Nutzung, Zerstörung, Erhabenheit, Ewig- und Unendlichkeit.

Die Polaroid-Arbeit Meshes von Gerald Chors erinnert, in ihrer Größe und auf Metall gedruckt, an die glitzernden Heiligenkärtchen der orthodoxen Kirche im Westentaschenformat zum Mitnehmen. Schatten, Dimensionen und Symbole verweben in Juxtapositionen zu einer traumartigen Landschaft. Was war, was wird, ist und bleibt.

MultiStadt. „Wie kann es sein, dass das eine Stadt, ein Land, ja die ganze Welt bei dieser Vielzahl an Menschen unterschiedlicher Kulturen und Religionen halbwegs funktioniert“, fragt Kerstin Stephan.
„Schaust Du von oben, dann hältst Du mit Demut inne und fragst Dich wie alles entstand und vielleicht stellst Du Dir die eine Frage. Wer zieht hier die Strippen?“ Auf die Suche nach der Antwort darf man gehen in ihrer über 5 Quadratmeter großen Triptychon-Collage mit Gouache und Buntstift.

Das Gemälde Todesangst-Christi-Kapelle von 2016 ist Teil der Serie buildings II secret | future von Elena Raulf, in der sie acht Kirchen im Stil der Nachkriegsmoderne und insbesondere des Brutalismus, als einer seiner Hauptströmungen, porträtiert. Die Todesangst-Christi-Kapelle ist eine katholische Kapelle auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Dachau bei München. Ein ehemaliger Häftling des Lagers hatte sich jahrelang darum bemüht, dass ein geistiger Ort der Erinnerung auf dem Gelände errichtet wird.

So wie die Schichtungen der Zeit in einer Photographie gestapelt sind, fächert sich im Film von Fabian Hammerl die Zeit im Raum auf. Ein festlich dekorierter Schrein, eine nächtliche Straßenkreuzung in Osaka. Ein langer Moment.

Suse Haugks Arbeit ist eine Hommage an den Maler Giovanni Battista Tiepolo, basierend auf dem Deckengemälde Venus vertraut der Zeit (Saturn) ihren Sohn an. Formal mit einem ungewöhnlichem Format und der Andeutung eines Triptychons formuliert es bildnerisch einen anderem Schwerpunkt.