deMUT
vom 05.12. 2019 bis
zum 05.01. 2020


deMUT

verharren oder schaffen _ mut zur hingabe oder rücksichtslos verantwortung aus der hand geben _ dienen oder mut zum scheitern _ hinterfragen _ glauben oder übermut _ auf jeden fall tief verbunden zum schaffen ::: der demütige erkennt und akzeptiert aus freiem willen, dass es etwas für ihn unerreichbares, höheres gibt. auch für künstler*innen / oder gerade für die / nicht ::: genie und wahnsinn _ innere haltung und der äußere ausdruck _ nicht immer deckungsgleich aber in vielschichtiger auseinandersetzung ::: allmacht gottes, zwischenspiel aufklärung, allmacht kapital _ blind oder sehend _ schweigend wird in dieser ausstellung sicher nicht alles hingenommen.

 

von demütigung, falscher demut, echter demut, und schlichtweg mut. 

insgesamt 16 künstler*innen haben sich mit dem thema auseinandergesetzt 

und werden auf 3 etagen in position zueinander gebracht. 

der anteil an autobiographisch geprägten, politisch kommentierenden, 

und mit extrem viel muße erstellten arbeiten ist auffällig. 


teilnehmende künstler*innen: 

anne dingkuhn, christian petersen,
cihangir gümü?türkmen, detlef lemme,
fahed halabi, florian huber, frieder falk,
gunter demnig, jana kießer, julia zeichenkind
& stefanie link, kathrin jakubzik, lars röper,
michael seiwert, rené scheer, simon korn

vernissage: 05.12.2019 ab 20:00 uhr
laufzeit:  bis 05.01.2020
öffnungszeiten:  samstag bis dienstag 18:00 bis 21:00 uhr (und nach vereinbarung)
finissage:      05.01.2020, 11:00 – 16:00 uhr mit brunch
   

Ausgangspunkt von Anne Dingkuhns Arbeit ist eine lange Rolle Papier: technisch perforiert, versehen mit einem Lochcode, der sich visuell nicht erschließt. In diese mechanische Struktur bricht das Unregelmäßige, Amorphe ein. Es überwuchert den Code, transformiert ihn. Die Papierrolle wird bis zur Zerreißprobe aufgebrochen, sie wird fragil, immateriell.

Christian Petersen, als Propmaker für den Film arbeitend technisch hoch versiert, fertigt ein lebensgroßes Objekt für die Ausstellung. Er formuliert:
„Sitzen in der Meditation ist sitzen in Demut, ist loslassen des Egos.“ Oder andersherum:
„.sogE sed nessalsol tsi , tumeD ni neztis tsi noitatideM red ni neztiS“

Motivisch verbindet Cihangir Gümü?türkmen in seiner Malerei gekonnt Erinnerungen an die eigene Herkunft und Kindheit mit seinem heutigen Leben. Es entstehen spannungsreiche und surreal anmutende Bildwelten, die Konventionen durchbrechen und kritisch hinterfragen. Er spielt mit tradierten Sehgewohnheiten und stellt die Normen unserer heutigen Zeit in Frage. Im Mittelpunkt aller Arbeiten steht eine permanente und häufig ironische Selbstreflexion (Text: Friederike Kröbel).

Detlef Lemme zeigt zwei Dinge nebeneinander, sonst nichts. Es könnte auch eine Kathedrale sein, wäre da nicht die Gravur: „Rheinmetall“.
„Rüstung ist das Gegenteil von Demut. Der Zufall machte, daß ich hier im „fetten” Deutschland geboren wurde. Ich muß mich nicht selbst verteidigen. Dieses Einsehen macht mich fast demütig – als Verweigerer des Kriegsdienstes und Berlinflüchtling 1980. Also Schutzpatrone? Patria, das Patronat.. – nein, die Mechanik des Krieges ist kalt und erbarmungslos. “
Neben 3 Acryl-Arbeiten in Rot, Gelb und Blau wird während der Ausstellung die „Patrone Schwarz” als Ablass Verkauf Holzschnitt angeboten. Ihr Erlös geht als Spende an „Ärzte ohne Grenzen”.

Fahed Halabi zeigt in seiner Videoarbeit „25 Hours“ den Himmel, einen Schornstein, und das dazwischen. Aber ist es ein Schornstein?

Meterhohe Zäune, die uns umgeben, sind ein Sinnbild für das Scheitern Europas geworden. Auch wenn uns die Bilder der Außengrenzen täglich medial umgeben, ist dem Betrachter meist die Schärfe des NATO Drahtes nicht bewusst. Das vermittelte Bild scheint diese schmerzhafte Realitätsebene zu verschleiern.
Für die Performance “in – visible“ bringt Florian Huber eben dieses Material in die Galerie und wird es vor den Augen der Besucher in Tierdarm hüllen: „Ich gebe dem verletzenden Material eine organische Hülle, mache es somit greifbar, anfassbar, uns bewusst.“
Durch Verhüllen kann das Phänomen sichtbar werden. Das organische Material kommt aus dem Körper eines Tieres, in welchem es Verdauung und Ausscheidung ermöglicht. Das Tier als Vorbild für den Menschen, - Natur doch als Heilmittel gegen kranke menschliche Zivilisation?

Demut im Arbeitsprozess auch bei Frieder Falk. Linie wird neben Linie neben Linie gesetzt, die einzelne Linie tritt zurück, und Linie für Linie baut sich eine Fläche auf. Der Fineliner, der Zeichenkarton, die technischen Hilfsmittel und die Wiederholung in der Ausführung prägen die Arbeiten. Kein Wollen? Geschehen lassen?

Die Stolpersteine, ein Projekt, das die Erinnerung an die verfolgten, vertriebenen und vernichteten Menschen im Nationalsozialismus lebendig erhält, sind eine Arbeit des Künstlers Gunter Demnig, der sie seit 1992 in mittlerweile 24 Staaten verlegt hat. Anläßlich dieser Ausstellung wird einer in die historischen Räume der Galerie, als ein Ort wo sich Geschichte und Kunst begegnen, eingemauert werden.

Die Serie „das bleibt unter uns“ ist eine fotografische Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs in der eigenen Familie. Jana Kießer nimmt uns mit in die Abgründe der verletzten Seele – dunkel, fragend, unkenntlich. Einblicke ins Ungewisse, mysteriöse Orte, Zerbrochenheit und die ständige Angst, dem Täter wieder zu begegnen werden durch den Transfer in das fotografische Medium auf neue Weise reflektiert.
Neben symbolhaft-assoziativen Bildern spielt auch Text in ihren Arbeiten eine Rolle, mit dem Sie die Betrachter*innen aus der subjektiven Welt der Fotografie in die Realität zurückholt. Die Arbeit wird neben dem Archivmaterial aus Tagebuch-Auszügen und Textpassagen aus Briefen des Vaters durch als Kind aufgenommene, analoge Fotografien ergänzt.

Stefanie Link, Fotografin, und Julia Zeichenkind, Illustratorin, stellen kleine Federn ganz groß dar. Sie lassen die Augen durch ihre feine Strukturen wandern und neue Dimensionen des Verlorenen entdecken. Als "Wunderwerk der Evolution. Sie wärmen, kühlen und isolieren, sie schmücken und tarnen – und sie verleihen ihren Trägern die lange unnachahmliche Fähigkeit in die Lüfte aufzusteigen.“ (Thor Hanson). Man muss sich auf keine große Reise begeben, um neues zu entdecken, was dem flüchtigen Blick verborgen bleibt.

Die gezeichnete Serie „Für Frieden und Sozialismus – seid bereit! Immer bereit!“ von Kathrin Jakubzik ist ein Rückblick in die eigene Kindheitsgeschichte. Bestandteil der DDR-Politik war die Organisation der Kinder und Jugendlichen in der Pionierorganisation „Ernst Thälmann“, der die meisten ohne eine wirklich freie Wahl angehörten. Die Zeichnungen zeigen, welche Glaubenssätze auf die Kinder einprasselten. Die eingespielten Pionierlieder gehörten zum Alltag und sind über Kopfhörer zu hören.

Anhand täglich erstellter, skizzenhafter Zeichnungen, die in eine Projektion überführt wurden, lotet “my distance from god (on a daily basis)” von Lars Röper des Künstlers („bzw. Jedermanns“) Nähe, Entfernung oder Verbundenheit mit Gott respektive einer höheren Macht aus.

Michael Seiwert beschäftigt sich in seinen Installationen mit der Ambivalenz des Demutbegriffs. Demut im Sinne einer gottähnlichen Verehrung (Führerkult) und verbunden damit, das unkritische Akzeptieren einer höheren Instanz. Demgegenüber steht die Demut vor einem höheren Ideal (freiheitliche Gesellschaft, Demokratie) und das aktive Verteidigen dieses Ideals. Ausgangspunkt für die Beschäftigung mit dem Thema ist der fortschreitende Rechtsruck in Deutschland und Europa.
Die Arbeit „Eierschaukel“ (2019) nimmt dabei die Perspektive des Einzelnen ein und hinterfragt die eigene Haltung, während die Arbeit „Heil, meine Kornblume“ (2019) die Wahrnehmung des Künstlers auf die Gesellschaft hinterfragt.

René Scheer überträgt „The Vesper Bell“ von dem Fotografen Rolf Eickemeyer (1862 – 1932) in ein Stencil, die Geste auf das Wesentliche reduzierend. Positiv und Negativ werden zusammen mit der Schablone gezeigt. Scheer, der im Palliativ-Bereich arbeitet, sagt: „Den religiösen Ansatz, demütig gegenüber einer höheren Macht zu sein, den brauche ich nicht. Aber durch die Arbeit im Palliativbereich zu wissen und jeden Tag zu spüren, dass wir alle nur dieses eine Leben haben, zeigt mir dieses höhere Etwas. Ich muss mir nicht erklären, dass irgendwer dieses Leben erschaffen hat, aber ich bin dankbar dass es mich hier gibt. Stolz auf das was ich in diesem Leben bin, aber demütig vor dem Leben an sich. Durch die Arbeit mit Menschen am Ende ihres Lebens, wird der Wert Leben zu dem einzigen Wichtigen.“

Simon Korns Arbeit „die Angst des Tropfens vorm Ozean“ besteht aus Glasbecken, Wasser, Flaschen, Holz. Er schreibt: „Für ein Leben wird ein Teil des Einen in ein Gefäß gegossen.
Irgendwann kommt der Moment, das Gefäß aufzulösen und sich im Einen zu vereinen.
Dieser Moment kann Sehnsuchtort und Horrorvorstellung sein - vielleicht auch gleichzeitig.“